Eine Kastration löst nicht sämtliche Verhaltensprobleme

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Alles, was Du über das Thema Kastration bei Hunden wissen musst, erfährst Du in dieser Podcastfolge. Etwa: Ist es überhaupt sinnvoll, seinen Hund zu kastrieren? Und wird mein Hund nach einer Kastration ruhiger? Antworten hat Verhaltensbiologin Carina Kolkmeyer, die seit Jahren zum Thema Kastration forscht. In der Folge erfährst Du u. a., warum Du einen Hund nicht schon vor oder in der Pubertät kastrieren lassen solltest und dass eine Kastration nicht automatisch Verhaltensprobleme löst – genau das ist ja oft der Grund für viele Hundehaler und -halterinnen, ihren Hund kastrieren zu lassen. Blöd, wenn dann genau das Gegenteil eintrifft. Das ist allerdings nicht wirklich überraschend. Warum, hörst Du in der Folge.

Was passiert genau bei einer Kastration?

Von einer Kastration sprechen wir dann, wenn wir beim Rüden die Hoden entfernen, also wenn wir chirurgisch die Organe wegnehmen und bei der Hündin die Eierstöcke entfernen und weil es meistens dann auch eine Ovariohysterektomie ist, also ein etwas größere Eingriff, wird dann meistens noch neben den Eierstöcken die Gebärmutter mit entfernt. Das heißt also, wir haben dann die Gonaden weg bei beiden Geschlechtern und in dem Moment entfällt auch die Sexualhormonproduktion. Und das wäre dann beim Rüden eben das Testosteron, was nicht mehr gebildet wird. Und bei der Hündin wird dann eben das Östrogen nicht mehr gebildet und auch das Progesteron nicht mehr gebildet.

Denise

Das ist ja unter anderem nicht ganz zu verachten, weil es wichtig ist, dass es eine Balance gibt – jetzt bleib‘ ich mal beim Rüden – zwischen dem Testosteron und dem Cortisol, dem sogenannten Stresshormon. Könntest du vielleicht erklären, warum das so wichtig ist? Und was passiert bei einer Kastration dann?

Carina Kolkmeyer

Wir haben das Cortisol, unser Stresshormon und das ist tatsächlich ein sehr wichtiger Gegenspieler von unseren Sexualhormonen. Wie du es gerade schon richtig gesagt hast, haben wir bei dem Rüden das Testosteron, was der Gegenspieler von Cortisol ist. Das heißt, wenn das eine steigt, sinkt automatisch das andere. Und bei der Hündin haben wir das Östrogen und das Progesteron als Gegenspieler vom Cortisol. Und wenn jetzt ein Hund kastriert wird, dann entfällt natürlich diese wichtige stressdämpfende Wirkung. Das heißt, die Gegenspieler sind weg, also die Sexualhormone. Und in dem Moment können wir einen dauerhaft erhöhten Cortisolspiegel haben bzw. ein Hund kann schneller reizbar, schneller gestresst sein und eben schneller seinen Cortisolspiegel steigen lassen.

Denise

Da kommen wir jetzt gleich drauf zu sprechen, weil ich habe dir ja vorab verraten, dass ich auf meinem Instakanal meine Follower*innen gefragt habe, ob sie irgendetwas interessiert zum Thema Kastration. Und da kamen einige Fragen, die würde ich gerne so an dich weitergeben als Expertin. Zum Beispiel hat Ingeborg gefragt: Ist es denn immer sinnvoll zu kastrieren?

Carina Kolkmeyer

Diese Frage kann man eigentlich mit einem klaren Jein oder Nein beantworten, weil es ist tatsächlich so, dass es oft ein Irrglaube ist, dass durch eine Kastration sämtliche Verhaltensprobleme gelöst werden können.

Also man denkt halt oft: Ja gut, wenn ich meinen Hund jetzt kastriere, dann kann ich auf einem einfachen Wege durch eine chirurgischen Eingriff mal eben sämtliche Problematiken abschaffen. Das heißt, ich könnte meinen Rüden eventuell nachher weniger aggressiv haben oder er hat nicht mehr so ein hypersexuelles Verhalten, was eben auch leider oft als Grund genannt wird.

Wunsch vs. Realität

Die Realität sieht in sehr vielen Fällen ganz anders aus. Also es gibt wirklich viele Hundehalter und -halterinnen, die hinterher diesen Schritt auch bereuen und das ist ja ein irreversibler Schritt. Das heißt, was einmal ab ist, kann halt nicht mehr wieder dran gesetzt werden. Positiv beeinflussen lässt sich zum Beispiel bei einer Kastration auch immer nur das Verhalten, was per se durch die Sexualhormone abhängig ist. Und das sind halt ganz wenige Verhaltensweisen.

Und da gibt es eben oft so einen Irrglauben oder so viele Missverständnisse, dass man sofort das Testosteron zum Beispiel beim Rüden mit ganz vielen Verhaltensweisen in Verbindung setzt, die eigentlich gar nichts miteinander zu tun haben. So heißt es ganz oft der Rüde ist dominant oder er hat eine Dominanzaggression oder der Rüde hat ein Statusproblem oder der Rüde gehorcht nicht richtig oder der Rüde läuft immer läufigen Hündinnen hinterher und man denkt okay, wenn ich jetzt diesen Rüden kastriere, dann hört das alles auf oder das Markierverhalten entfällt dann auch. Und das ist tatsächlich eben ein Irrglaube, weil wir müssen wirklich schauen, welches Verhalten hängt definitiv vom Testosteron ab. Und das ist wie gesagt nur ein kleiner Bereich von Verhaltensweisen.

Wann ist eine Kastration ratsam?

Denise

Gibt es dann doch Fälle, wo es Sinn macht, einen Hund oder eine Hündin zu kastrieren.

Carina Kolkmeyer

Ganz klar vom Tierschutzgesetz her natürlich, wenn eine medizinische Notwendigkeit besteht, also dann, wenn ein Organ irgendwie lebensbedrohlich erkrankt ist. Also wenn ein Hodentumor vorliegt oder gefährliche Mammatumore entstanden sind, dann sollte man natürlich handeln, das ist klar. Da sollte man nicht vehement sagen, dann stirbt mein Hund jetzt lieber, als dass ich ihn kastrieren lasse. Das ist natürlich klar. Wenn das Tierwohl gefährdet ist, dann dürfen wir handeln und dann darf ein Tierarzt oder eine Tierärztin natürlich auch kastrieren.

Aus verhaltensbiologischer Perspektive sieht es so aus, dass wir eigentlich wie gesagt nur dann kastrieren können, wenn wir per se eine Sexualhormonabhängigkeit haben. Das heißt zum Beispiel, wenn wir jetzt im Falle des Rüden gesprochen, wirklich mal hypersexuelles Verhalten haben. Und von hypersexuell sprechen wir aber wirklich nur dann, wenn wir von dem Rüden die gesamte Verhaltenskaskade gezeigt bekommen, die zu hypersexuellem Verhalten dazugehört. Das reicht nicht aus, dass man sagt „Mein Hund, der ist ständig am Aufreiten, der rammelt alles kurz und klein, der rammelt an Gegenständen, womöglich sogar andere Hunde oder sogar vielleicht am menschlichen Bein.“ Also der Rüde ist in dem Moment noch nicht hypersexuell, weil das Aufreiten zum Beispiel auch eine ganz andere Herkunft haben kann. Es kann auch als Ursache wieder das Cortisol mit reinspielen. Es kann wieder eine Stresshandlung sein. Eine Übersprungshandlung oder stereotypes Verhalten. Also da muss man halt ganz doll aufpassen.

Empfehlung bei wirklich hypersexuellem Verhalten

Wenn wir wirklich hypersexuelles Verhalten haben, dann sagen wir auch immer: „Okay, erst einmal bitte von einem Experten abschätzen lassen, beobachten lassen. Also das heißt immer eine Expertise einholen. Wir bieten zum Beispiel auch so eine Beratung an, lassen uns dann mitunter auch mal Videos schicken und gucken uns das Verhalten an und werten das dann eben aus und sagen:“ Okay, ja, das fängt an mit Maul lecken, Zähneklappern, einer gewissen T-Formation – dass sich ein Hund in einer bestimmten Formation zu einem anderen Hund stellt, schon mal das Kinn aufgelegt wird und die Deckbereitschaft gezeigt wird bis hin zu Ejakulatstropfen, die rauskommen oder schon ein richtiger Deckakt, mit einer richtigen Kopulationsbewegung.

Wenn diese ganze Kaskadeabfolge da ist, dann können wir sagen: Okay, das ist hypersexuell. Wenn das nur mal auftritt, wenn eine läufige Hündin vor ihm steht, ist das noch nicht hypersexuell, sondern einfach nur reines Sexualverhalten. Aber wenn der Rüde natürlich extrem leidet, er macht eine Futterverweigerung, er schläft nicht mehr, der Hund haut ständig ab und man kann im Prinzip mit diesem Hund nichts mehr anfangen. Er ist ein Häufchen Elend. Dann kann man sagen: Okay, da könnte auch mal wirklich aus Verhaltensperspektive kastriert werden.

Denise

Du hast gerade gesagt, man kann sich bei Fragen zu hypersexuellem Verhalten an euch wenden. Wie genau geht es dann?

Carina

Entweder schreibt man direkt eine E-Mail an mich oder an Dr. Udo Gansloßer. der ist ja mein Doktorpapi und quasi bei uns auch – ja, das Headmitglied quasi unseres Teams, unserer Mammalia AG. Genau, wir sind ja für verhaltensmedizinische Beratungen zuständig. Tatsächlich hilft es vielen als Entscheidungshilfe einfach auch noch mal einen anderen Blickwinkel zu haben und zu schauen okay, soll ich jetzt meinen Hund wirklich kastrieren und hab ich das richtig abgeschätzt das Verhalten? Das kann auf jeden Fall ganz hilfreich sein.

Verändert sich mein Hund nach einer Kastration?

Denise

Weil in der Tat, also ich habe viele Kunden und Kundinnen, aber auch so Menschen in meinem Umfeld, die sich genau die Frage stellen: Soll ich meinen Hund kastrieren? Also aus unterschiedlichsten Gründen, eben oft auch in der Hoffnung, bei Rüden aggressives Verhalten abschalten zu können. Was du ja schon angesprochen hast, was eigentlich nur Sinn ergeben würde, wenn dieses Verhalten, wie du es vorhin gesagt hast, testosterongesteuert ist. Also wenn der Hund nach vorne geht, weil er Angst hat, dann ändert sich nach einer Kastration wenig. Beziehungsweise kann sogar vielleicht noch schlimmer werden. Aber da komme ich drauf noch zu sprechen, weil da gibt es auch Fragen.

Und zwar: Der Martin hat mir zum Beispiel auch ein paar Fragen geschickt. Er sitzt im Rollstuhl und hat eine Hündin und die Läufigkeit seiner Hündin, die stresst ihn sehr, weil er kann dann nicht mehr alleine mit ihr raus und er hat zum Beispiel gefragt – also das bezieht sich jetzt in seinem Fall auf eine Hündin: Wie heftig ist das mit einer Wesensveränderung nach einer Kastration? Und die Frage hat mir Caro auch noch mal gestellt. Also mit welchen Wesensveränderungen muss man bei Hunden und Hündinnen nach einer Kastration rechnen?

Carina

Zuerst einmal großes Lob. Es ist immer super, dass man sich vorher schon mal damit beschäftigt. Nicht nur was kann ich alles abschaffen durch eine Kastration, sondern was kann alles folgen nach einer Kastration? Das ist schon mal, finde ich, der erste richtige und wichtige Schritt und der erste Gedankenschritt, den man auch gehen muss.

Aggression und Angst können zunehmen

Was auch auftreten kann, also ich kann jetzt mal so von unseren eigenen Studienergebnissen sprechen, sind vor allem vermehrte Aggression und da verschiedene Aggressionsformen tatsächlich auch. Vermehrt Angst natürlich, weil eben bedingt durch diesen erhöhten Cortisolspiegel der Hund schneller mal schreckhaft ist oder unsicher in gewissen Situationen ist.

Er kann auch mal panisch sein. Also auch Panik kann definitiv ansteigen und Stress natürlich allgemein auch. Der Hund kann vermehrter hecheln oder kann mit gewissen Situationen nicht mehr so gelassen umgehen. Also insgesamt kann es zu einer emotionalen oder auch hormonellen Unausgeglichenheit kommen. Das heißt man hat vielleicht einen Hund, der schneller mal eine Übersprungshandlung macht, der zum Beispiel auch nach der Kastration vermehrt aufreitet oder noch mehr aufreitet als er das schon vorher gemacht hat. Also da sollte man sich auf jeden Fall vorher Gedanken machen. Auch das aufreiten kann zum Beispiel ja auch bei Rüden und Hündinnen auftreten.

Alle Seiten abwägen

Im Falle deines Fragenstellers, der für die Hündin fragt: Auch da sollte man sich vorher Gedanken machen. Okay, welche Probleme oder welche Schwierigkeiten habe ich jetzt gerade mit dem Hund? Und will ich die eventuellen Schwierigkeiten, die danach auftreten, auch haben? Kann ich damit umgehen? Habe ich da einen Experten oder eine Expertin an der Hand, die mir da helfen kann, gegebenenfalls? Dann kann man das vielleicht mal überlegen, aber man sollte sich halt echt dessen bewusst sein, dass danach wirklich auch eine große Veränderung kommen kann.

Ich hatte auch zum Teil Hündinnen, die sehr apathisch zum Beispiel auch geworden sind nach einer Kastration. Die haben so eine Art Sozialinkompetenz entwickelt. Also die sind quasi wirklich voll in ein Individualverhalten gegangen und haben gar nicht mehr so viele soziale Verhaltensweisen gezeigt, was dann oft von den Hundehalter*innen so bewertet wurde, dass sie gesagt haben: „Ja, mein Hund ist seitdem ja total gelassen, der kommt ja gar nicht mehr in Streitigkeiten mit anderen Hunden. Ich habe mir gedacht: Ja, aber der Hund kommt auch gar nicht mehr in Kontakt mit den anderen Hunden. Also man muss sich überlegen, wie lebe ich mit dem Hund? Wie viel Kontakt hat er zu anderen Hunden und welche Folgen können vielleicht auftreten? Und kann ich damit in meiner Lebensumgebung oder meinem Lebensalltag umgehen?

Hunde können nach einer Kastration unruhiger oder aggressiver werden

Denise

Das heißt im Umkehrschluss auch, weil du gesagt hast, unter anderem können Hunde oder Hündinnen dann ängstlicher werden. Wenn wir bei dem Beispiel bleiben, was ich vorhin angesprochen hatte, dass ein Hund zum Beispiel jetzt nach vorne geht aus Unsicherheit. Und der Halter oder die Halterin denkt sich – warum auch immer – okay, ich lasse diesen Hund kastrieren und dann wird alles gut. Dass das dann eigentlich noch schlimmer werden kann. Die Unsicherheit und das nach vorne gehen.

Carina Kolkmeyer

Ja, gerade bei angstaggressiven Hunden und auch gerade bei Hunden aus dem Tierschutzbereich, wo ja leider noch sehr oft pauschal kastriert wird, ist es eben einfach oft der Fall, dass wir nachher so ein kleines Häufchen Elend da sitzen haben, was noch angstaggressiver ist und irgendwann vielleicht sogar schon resigniert und dann wie gesagt in so eine Apathie vielleicht auch schon fällt. Oder einfach generell eine Zurückgezogenheit. Ja, und das waren jetzt natürlich erst mal nur so die verhaltensbiologischen Konsequenzen, die medizinischen – das ist noch mal eine ganz andere große Kiste, also auch mit Inkontinenz oder generell Krebsrisiken, die ansteigen können. Also auch das sollte man immer auf jeden Fall im Hinterkopf haben.

Die Gefahr der Inkontinenz

Denise

Stichwort Inkontinenz: Da hat der Martin nämlich auch gefragt: Wie hoch ist die Gefahr der Inkontinenz?

Carina Kolkmeyer

Ja, also da gibt es tatsächlich sehr viele Zahlen. Das Spektrum ist sehr hoch. Es gibt Studien, die sprechen von 1 bis 20 %. Aber es gibt eben einige Studien, die wirklich sagen, zu 20 % kann eine Inkontinenz auftreten. Das Risiko steigt natürlich mit dem Alter, je älter die Hündin wird. Und es steigt aber auch mit dem Alter, in dem die Hündin kastriert wurde. Und da geht es in die andere Richtung.

Das heißt, je früher die Hündin kastriert wurde, desto wahrscheinlicher entwickelt sie dann auch eine Inkontinenz, entweder direkt nach der Kastration oder irgendwann im Laufe ihres Lebens. Und das hängt natürlich alles mit dem Blasenverschlussdruck zusammen. Also das heißt, da spielen auch die Sexualhormone wieder eine wichtige Rolle, dass sie die Blase sozusagen, ich sag jetzt einfach mal ein bisschen kräftiger halten, dass sie einfach nicht ihre Aufgabe verlässt oder ihre Funktion verliert, den Urin halt zu halten.

Möglichkeiten der Behandlung

Denise

Ist das denn irreparabel?

Carina Kolkmeyer

Man kann es manchmal behandeln. Ich glaube, es gibt ja auch eine gute Hormontherapie, die man direkt anschließen kann. Man sollte vielleicht sogar immer überlegen, hin und wieder auch auf pflanzliche Mittel zurückzugreifen.

Wenn ich einen persönlichen Bericht mal mit reinbringen kann, meine Hündin zum Beispiel ist nicht kastriert, fällt aber fast nach jeder Läufigkeit in eine Inkontinenz. Und es hat lange gedauert, bis ich jetzt für mich herausgefunden habe, dass meine Hündin einfach durch diesen Wegfall der Hormone oder durch dieses Hormonchaos, was einfach nach der Läufigkeit auftritt, so ein Tief hat an Sexualhormonen so, dass ihre Blase auch einfach aufhört zu halten und sie dementsprechend für ein, zwei Wochen inkontinent ist. Wir dachten immer an Blasenentzündung und haben es behandelt mit Antibiotika. Und so weiter und meine Hündin wäre dementsprechend eine absolute Kandidatin für eine Inkontinenz nach einer Kastration.

Das heißt also, wenn es sich bei meiner Hündin irgendwie vermeiden lässt, dann möchte ich sie auch wirklich niemals kastrieren lassen, weil ich glaube, ihr würde es wirklich nicht gut tun. Sie ist sowieso eine Rüdin. Also es gibt ja auch bei Hündinnen sogenannte Rüdinnen, die halt einfach auch das Beinchen heben, die mal so ein Testosteronschub eventuell schon über die Gebärmutter durch ihre Brüder quasi abbekommen haben. Und das passt bei meiner Hündin auch wie Pfote aufs Auge.

Nicht zu früh kastrieren

Denise

Wenn sich jetzt Hörer und Hörerinnen fragen: Hä? Wie Rüdinnen? Das ist oft so, wenn zum Beispiel in einem Wurf, ich sag jetzt mal von zehn kleinen Welpis sind neun Jungs und eine kleine Dame, dann kann das eine sogenannte Rüdin sein, weil einfach so viel Testosteron da schon dabei war, nur dass wir da zum Verständnis beitragen. Dann habe ich hier noch weitere Fragen von Follower*innen und zwar hat Caro gefragt: Wann darf denn ein Hund kastriert werden?

Carina Kolkmeyer

Da würde ich definitiv immer erst die Pubertät abwarten, das heißt also immer erst dann, wenn der Hund quasi im Erwachsenenalter angekommen ist. In der Regel sind große Hunderassen da ein bisschen Spätentwickler, das heißt die brauchen ein bisschen länger. Bei denen können das auch schon mal zweieinhalb und in ganz Extremfällen auch mal drei Jahre sein. Und bei den kleineren Hunderassen sprechen wir, so ca. von anderthalb Jahren, dass die dann ihre Pubertät durchlaufen haben als Richtwert, kann man sonst auch nehmen. Man schaut sich die Hündin an von der gleichen Rasse und guckt, wann sie ihre dritte Läufigkeit durchlaufen hat. Und wenn diese dritte Läufigkeit durch ist, dann darf man, wenn überhaupt, erst das Messer wetzen.

Die Risiken einer zu frühen Kastration

Denise

Oder wetzen lassen, hoffe ich. Carina, warum sollte man denn Hunde auf gar keinen Fall zu früh kastrieren?

Carina Kolkmeyer

Also vor der Pubertät sollte es wirklich, wirklich, wirklich vermieden werden. Es sei denn so wie ich es vorhin gesagt habe, es ist medizinisch notwendig und ein Weiterleben wäre sonst nicht möglich für den Hund. Da muss man es natürlich machen, aber auch da sollte man immer mit den Konsequenzen rechnen, die passieren können. Also medizinisch große Kaskade.

Wir haben während der Pubertät einfach unglaublich viele Umbaumaßnahmen, die stattfinden. Also das ganze Gehirn wird ja im Grunde noch einmal umgekrempelt. Das ist wie eine große Autobahn, die gebaut wird und die wird erst mal aufgerissen und dann werden neue Straßen gelegt. Wir haben neue Nervenbahnen, die verknüpft werden, wir haben auch im Knochengerüst oder im Sehnen und Muskelgerüst alles, das noch mal gestreckt, gedehnt und von den Wachstumsphasen her abgeschlossen wird.

Das heißt das ganze System wird einmal quasi geöffnet und noch mal neu verknüpft. Und wenn wir jetzt während dieser Baustelle sagen Stopp! Und jetzt wollen wir auf der Autobahn aber weiterfahren, ohne dass wir sie weiter ausgebaut haben, finde ich das etwas gefährlich. Also ich würde mich nicht auf so eine Baustelle trauen und dann mit mein Auto drüberfahren, sondern würde sagen: Nee, das schließen wir mal lieber erst ab, bevor wir da irgendwelche Gefahren eingehen.

Typisch für einen früh kastrierten Hund

Ein Frühkastrat bleibt ganz oft eben auf dem Level eines jungen Hundes stehen. Das heißt, die wirken oft desorientiert, sind oft unsicher, die können oft nicht mit neuen Situationen gut umgehen, die sind sprunghaft, die sind halt einfach richtig jung geblieben. Ja, da fehlt es so ein bisschen einfach an der Reife, im Wachstum. Und was das Knochengerüst angeht oder generell Muskeln und Sehnen. Wir haben ein verlängertes Röhrenwachstum der Knochen, das heißt, hier haben wir oft so einen schlaksigen Gang.

Sieht man finde ich auch ganz oft bei gewissen Hunden aus dem Tierschutzbereich. Und das kann natürlich auch nicht nur unschön aussehen, sondern kann auch schwere Folgen mit sich führen. Wir haben schneller eine HD also ein Hüftgelenksdysplasie oder auch generell an den Gelenken Probleme, am Knie Probleme. Sehnen reißen schneller. Also solche Hunde haben schnell auch mal einen Bänderriss oder einen Kniesehnenriss. Also da sollte man wirklich, wirklich Abstand von nehmen. Einen Hund früh zu kastrieren ist sicherlich keine gute Wahl. Und wenn man es machen muss, dann würde ich persönlich immer sehen, dass ich irgendwie versuche, noch bis zum Abschluss der Pubertät hormonell den Hund weiterhin durch Präparate oder ähnlichem zu unterstützen, damit der Hund einfach eben noch reif werden kann und das Ganze noch abgeschlossen werden kann, was da eben noch so wachsen muss.

Denise

Was wären das dann für Präparate?

Carina

Ja, entweder kann man mal schauen. Ich weiß nicht, ob das jetzt schon bei allen Tierarztpraxen so gang und gäbe ist, aber manche bieten da direkt auch schon Präparate an. Ansonsten geben wir in unserer Beratung zum Beispiel auch immer das Mönchspfeffer als Empfehlung. Mönchspfeffer als Agnus Castus. Das ist eine ganz tolle Pflanze, auch im Humanbereich total beliebt, gerade bei Frauen in den Wechseljahren oder bei Frauen mit schweren Menstruationsbeschwerden oder so, aber auch Männer können es theoretisch auch nehmen. Im Prinzip ist es ein pflanzliches Östrogen, das man dann einnimmt. Und das kann halt wie gesagt noch mal so ein bisschen Östrogen oder so eine Sexualhormonmenge im Körper dann eben ja losschicken und dadurch kann man wieder etwas mehr ins Lot geraten.

Warum wird oft noch pauschal zur Kastration geraten?

Denise

Zu dem Themenkomplex passt gerade auch eine Frage von Elise: Warum kastrieren so viele Tierärzte noch so oft, so früh, zum Beispiel nach der ersten Läufigkeit?

Carina

Ja, das ist tatsächlich eigentlich sehr traurig. Das liegt vor allem daran, dass hier oft auch mit falschen Zahlen einfach operiert wird. Hier wird noch eine Studie zitiert. Ich weiß jetzt ehrlich gesagt nicht, aus welchen Jahren sie ist, aber auf jeden Fall aus dem letzten Jahrhundert. Und diese Studie hat damals nicht die, ich sag mal direkten Zahlen rausgegeben, hat keine relativen Zahlen genannt, sondern einfach gesagt: 25 % der Hündinnen haben ein Risiko für einen Mammatumor. Und wenn man die Hündin jetzt vor der ersten Läufigkeit oder nach der ersten Läufigkeit auf jeden Fall noch vor der Beendigung der Pubertät kastriert, dann sinkt dieses Risiko so enorm ab auf nahezu weiß nicht 1, 2 %, sodass die Tierärzt*innen jetzt einfach der Meinung sind, damit könnte man einem Mammatumor definitiv entgegenwirken. Aber diese Zahlen sind halt leider irreführend und leider auch falsch zitiert und falsch berechnet worden. Das generelle Risiko für einen Mammatumor besteht zum Beispiel nur bei 1,86 Prozent und eben nicht bei jeder vierten Hündin, also bei 25 Prozent. Und das sind wirklich unter 2 %. Und wenn man eine Hündin dann vor der dritten Läufigkeit kastriert, dann sinkt das Risiko auch oft nur auf 0,5 %. Das heißt, wir haben von 1,8 % auf 0,5 % und das sind schon ganz andere Zahlen, finde ich. Aber diese Zahlen kennen die meisten Tierärzte halt nicht.

Denise

Eine Frage von Lara: Werden Hündinnen vor dem zweiten Lebensjahr kastriert: Verlängert das dann die Lebenserwartung? Sie fragt das, weil sie das jetzt schon von mehreren Seiten gehört hat.

Carina Kolkmeyer

In der Regel kann ich sagen: eigentlich nicht, weil vor allem die Kaskade an medizinischen Risiken, die noch auftreten können, danach einfach sehr groß ist. Das heißt also das, was eben noch an Krebsrisiken oder auch, wie es vorhin schon genannt hatte, mit dem verlängerten Knochenwachstum war, wabbelige Sehnen und die Muskeln nicht richtig ausgebildet. Also diese Liste an Folgen ist einfach viel, viel länger als das, was eventuell gegebenenfalls mal präventiv verhindert werden kann. Und wie gesagt, wenn man das mit dem Mammatumoren sich vor Augen führt, das ist ja einfach der Grund schlechthin medizinisch, dass man sagt okay, wenn ich die Hündin jetzt auch früh kastriere, dann entwickelt die keinen Mammatumor. Aber wenn wir uns da die Prozentzahlen angucken, dann rechtfertigt das in keinem Fall eine Kastration.

Denise

Eine weitere Folge ist – da hat mir Ingeborg geschrieben, dass ihr Hund nach der Kastration zugenommen hat. Kommt das häufiger vor? Das frage ich jetzt. Und woran liegt das denn?

Carina Kolkmeyer

Ja, das kommt tatsächlich häufig vor bzw. es kommt vor allem dann vor, wenn man nicht aufpasst bzw. wenn man die Futterration nicht dementsprechend umstellt. Das liegt daran, dass auch die Sexualhormone unseren Stoffwechsel enorm beeinflussen und alles kann dann halt einfach gebremst werden, langsamer werden und eine ganz andere Umsetzung findet einfach danach statt. Also ja, das kommt auch häufig vor und man sollte da definitiv auch dann aufpassen.

Was kann ein Kastrationschip?

Denise

Caro hat gefragt: Lohnt es sich, vor der echten Kastration einen Chip auszuprobieren?

Carina Kolkmeyer

Ja, auf jeden Fall. Das kann ich definitiv so unterschreiben. Wenn man wirklich natürlich den ernsthaften Gedanken einer Kastration hat. Immer mal spaßeshalber einfach einen Chip zu setzen, würde ich auch nicht. Nur um mal zu gucken, was da so passiert. Wir haben hier immerhin immer einen chemischen bzw. hormonellen Eingriff, der auch manchmal Spuren hinterlassen kann. Das heißt, der Chip ist natürlich ein Probelauf, also eine super chemische Alternative zur Kastration. Wir greifen ja nicht chirurgisch ein, es ist reversibel. Wir haben ja einmal den Halbjahreschip und der würde dann eben nach einem halben Jahr auslaufen. Oder wir haben ein Ganzjahreschip und da würde dann nach einem Jahr eben wieder alles wieder sozusagen hoffentlich im Normalzustand sein.

Man kann sich das Verhalten während dieser Chipphase anschauen. Das heißt man kann beobachten, wie hat sich mein Hund jetzt verändert oder wie verändert er sich gerade? Man kann es dann eben quasi verhaltensbiologisch einschätzen und hinterher kann man im Prinzip entscheiden, ob jetzt eine Kastration vielleicht die geeignete Wahl oder eben nicht.

Aber ganz kurz vielleicht noch: Man sollte immer im Hinterkopf behalten, hier ist auf jeden Fall Vorsicht geboten. Der Chip führt beim Rüden in den ersten Wochen immer erst mal zu einem Testosteronpeak. Das heißt hier kann es sein, dass der Hund auch mal richtig ausrastet, wenn das Verhalten dann testosteronabhängig war oder es vielleicht nicht so abhängig war, aber der Hund dann noch einmal total testosterongesteuert sein könnte. Danach flaut es dann aber ab. Danach ist es auch einer chirurgischen Kastration entsprechend. Die Hoden schrumpfen und danach hätten wir dann auch wirklich den Zustand einer eventuellen Kastration.

Der Kastrationschip ist kein Dauerzustand

Denise

Das heißt, in dem Fall sollte man auf jeden Fall einfach sich nicht von dem Anfangsverhalten abschrecken lassen, wenn das erst mal schlimmer wird, sondern wirklich ein paar Wochen warten und dann gucken, wie sich da der Hund oder die Hündin verhält. Ich könnte mir vorstellen, dass sich jetzt vielleicht einige denken: Ach cool, wenn das mit dem Kastrationschip so einfach ist. Dann erspare ich meinem Hund oder meiner Hündin so einen chirurgischen Eingriff. Dann setze ich jetzt einfach immer nach einem halben Jahr neuen Chip ein bis ans Lebensende.

Carina Kolkmeyer

Ja, den Gedanken haben einige. Theoretisch oder auch rein praktisch darf ein Tierarzt das – ich meine – nur dreimal setzen. Nach dem dritten Mal darf kein Chip mehr gesetzt werden. Es gibt sicherlich den einen oder anderen Tierarzt, der das vielleicht auch noch mal öfter macht, mit Augen zudrücken. Aber in der Regel sollte es nach drei Mal eigentlich aufhören. Dann sollte man sich wirklich entscheiden Gefällt mir mein Hund ohne Kastration oder mit Kastration besser?

Die Nachteile einer Spritze

Denise

Und es gibt ja auch so eine Spritze, oder?

Carina Kolkmeyer

Ja, genau, es gibt so eine Spritze, die auch noch mal zu so einer hormonellen Unterdrückung führt. Aber die hat tatsächlich sogar etwas knackigere Nebenwirkung. Die wird auch ganz viel im Zootierbereich eingesetzt.

Denise

Was sind da so für Nebenwirkungen?

Carina Kolkmeyer

Also ich habe mal gehört, ohne mich zu weit aus dem Fenster zu lehnen, dass die tatsächlich auch ein bisschen auf die Organe gehen soll. Also wenn man sie nicht richtig gut dosiert, kann sie tatsächlich auch mal Leberschäden anrichten. Das ist aber nur das, was ich mal so in der Literatur gefunden habe. Ob das jetzt immer Einzelfälle sind oder ob das nur für eine Canidenart galt, weiß ich nicht genau. Aber ja, da sollte man ein bisschen aufpassen. Bei Hündinnen oder Rüden, da müsste ich mich tatsächlich noch mal schlau machen. Aber da ist, glaube ich, auch schon mal ein Einsatz gewesen und es wird ja auch zum Teil noch eingesetzt und ich glaube, auch da weicht man eher so ein bisschen davon zurück, weil sie halt echt auf einmal gesundheitliche Nebenwirkungen hat.

Es besteht noch viel Aufklärungsbedarf

Denise

Ich glaube jetzt habe ich alle Fragen von meinen Instafollower*innen durch und finde es total spannend, weil sich ein paar Fragen geähnelt haben. Das zeigt ja, dass da schon viel Interesse da ist. Und ich finde es super, super wichtig aufzuklären. Und deswegen freue ich mich so sehr, dass wir jetzt auch drüber sprechen, weil ich bin mir ziemlich sicher, dass die Hörer und Hörerinnen durch dich jetzt einfach Sachen erfahren, die sie sonst nie erfahren.

Carina Kolkmeyer

Tatsächlich würde ich mir an dieser Stelle auch unglaublich wünschen, dass so was mal mehr an die Tierarztpraxen gerät, weil ich glaube, es gibt super viele Ärztinnen und Ärzte, die dann auch unserer Meinung wären und sagen, da haben wir uns noch nicht so wirklich Gedanken drum gemacht. Aber gut, dass wir das mal erfahren, weil es wird in den tierärztlichen Ausbildungen, also an den Hochschulen direkt ja auch gar nicht so in der Praxis umgesetzt.

Da wird halt einfach kastriert und nur wenige Hochschulen zum Beispiel bieten auch die Sterilisation als Alternative an, man kann ja einen Rüden oder eine Hündin zum Beispiel auch noch sterilisieren, indem man nur die Eileiter durchtrennt oder nur die Samenleiter durchtrennt. Der Hund ist dann eben nicht mehr fortpflanzungsfähig, was natürlich für eine Mehrundehaltung ideal ist, wenn man sagt: Ich will einfach nur den Stress nicht, dass die sich da unkontrolliert vermehren oder in irgendwelchen Tierheimen oder Auslandstierschutz. Und man hat eben aber den großen Vorteil, dass in den Hormonhaushalt nicht eingegriffen wird, denn das läuft ja weiterhin durch die Hoden, dann in die in die Blutbahn oder auch von den Eierstöcken.

Die größten Kastrationsmythen

Denise

Beim Thema Kastration, da gibt es ja so einige Aussagen, die so viel eher Mythos als Fakt sind. Was sind denn so die größten Mythen?

Carina Kolkmeyer

Also der erste Mythos ist auf jeden Fall, dass man einen ruhigeren und gelassenen Hund bekommt. Das heißt ganz oft, mein Hund ist so aktiv. Wenn ich dem jetzt erst mal seine Sexualhormone nehme, dann wird er schon ein bisschen gelassener, oder dann kann ich den auch besser erziehen. Das geht so einen zweiten Mythos über, dass man sagt, mein Hund ordnet sich mir nicht unter, ist ja leider wirklich manchmal noch wirklich auf dieser Ebene. Wir sind noch nicht da, überall angekommen zu sagen, wir wollen nur eine Bindung zum Hund und nicht nur eine Erziehung, sondern vor allem eine Beziehung, in erster Linie ein sicherer Hafen wollen wir sein für unseren Hund.

Bindung vor Sex

Ein anderer großer Mythos, der leider auch wirklich bei Tierarztpraxen oft noch gang und gäbe ist, ist der unerfüllte Sexualtrieb von Hunden. Da heißt es manchmal: „Mei, so ein armer Rüde, der in seinem Leben nie zum Zug kommt. Wie grausam. Das ist ja Quälerei, wenn man dem jetzt sein Testosteron einfach lässt.“ Das ist tatsächlich einfach erschreckend, weil da sind wir jetzt eigentlich deutlich weiter, also nicht nur bei uns in unserem Kastrationsprojekt, sondern wir haben ja noch viele andere verhaltensbiologische Projekte bei uns im Team.

Wir haben zum Beispiel das Paarbindungsprojekt und da geht es vor allem im Canidenbereich darum mal zu schauen, wie eng gehen Hunde oder Hundeartige eigentlich eine Bindung zueinander ein? Und das ist so knuddelig, dass Hunde wirklich fast monogam leben, wirklich eine Bindung und ein Partner fürs Leben finden. Und dieser Partner muss auch nicht immer vier Beine haben. Das kann auch mal ein Mensch sein oder auch mal ein Meerschweinchen. Theoretisch ist ein Hund viel mehr darauf bedacht, positive Verbindungen einzugehen, eine starke Bindung zu einem anderen Sozialpartner zu haben, als eben sich fortzupflanzen und sich den ganzen Tag eigentlich nur zu vermehren. Also das ist tatsächlich auch noch leider so ein Mythos oder Irrglaube, den es gibt. Also für den Hund gedacht, sage ich mal ganz gerne, gilt einfach: Bindung vor Sex.

Was tun bei Pauschalratschlägen zur Kastration?

Denise

Was würdest du den Hundehalter*innen raten, die gesagt bekommen, jetzt teilen wir die Frage mal auf, die gesagt bekommen von ihren Tierärzten, dass sie ihren Hund kastrieren sollen, die sich aber nicht sicher sind.

Carina Kolkmeyer

Sehr interessant, dass du das fragst, weil das genau das ist, was wir eigentlich auch die ganze Zeit machen. Ich würde mir da mehr Hand in Hand wünschen mit den Tierärzten. Das ist einfach unser Ziel.

In der Regel würde ich tatsächlich jetzt als Hundehalter oder Hundehalterin einfach den Tierarzt fragen: Okay, auf welchen Zahlen stützt sich das? Also wirklich mal die konkreten Zahlen erfragen, welches Risiko er denn jetzt auch meint. Und wenn da schon keine fundierte Datenbasis ist und es einfach heißt: Ja, das haben wir immer schon so gemacht. Dann wäre ich vorsichtig, weil dann ist da tatsächlich kein aktueller Forschungsstand vorhanden oder bzw. auch generell der Wille da für eine Diskussion.

Also wenn ich das Gefühl habe, dass ein Tierarzt offen ist und sagt: Moment, ja, dann könnte ich mich ja wirklich mal, vielleicht jetzt mal noch mal damit auseinandersetzen. Da haben Sie Recht. Mit den Zahlen sollte man vielleicht auch nicht so leichtfertig umgehen. Also wenn da so eine Offenheit dann schon ist, dann könnte man vielleicht eine Ebene finden, auf der man sich dann auch gemeinsam mit dem Tierarzt entscheiden kann. Aber wenn man dann wirklich nur hört: Ja, das ist einfach so. Also das machen wir schon seit 30 Jahren und es hat immer funktioniert bei den Hunden, wäre ich vorsichtig.

Denise

Und jetzt zum zweiten Teil: Wenn die Hundehalter*innen von Bekannten oder von Freunden, Freundinnen oder von den Leuten auf der Hundewiese gesagt bekommen: Muss mal Deinen Hund kastrieren, der geht so ab. Wie kann man da am besten reagieren? Weil dann ist man ja gerne mal ein bisschen perplex, weil man nicht weiß, was man sagen soll.

Carina Kolkmeyer

Ja, manchmal kommt man sich ja schon doof vor, wenn man es nicht macht. Ja, das habe ich auch schon oft gehört, dass man eigentlich auch blöd angeschaut wird. Ich habe natürlich dann das große Glück, direkt mit meinem Steckenpferd Forschungsthema zu kommen und zu sagen Ja, ich erforsche das. Meistens sind die Leute dann auch gleich still. Entweder müsste man sich wirklich mal die eine oder andere coole Studie raussuchen. Also wenn Du da was brauchst, sag mir gerne Bescheid. Wir haben auch so einen Infoflyer ,wo dann einfach die wichtigsten Zahlen noch mal drauf sind. Sowas kann man sich auf dem Handy auch einfach mal mitnehmen, zeigen und sagen: Da! Deswegen bin ich unsicher zu kastrieren.

Oder die Leute auch einfach direkt vorher fragen: Hast du das tierschutzrechtlich vorher abgeklärt? Weil das ist zum Beispiel etwas, was wir jetzt gerade zum Thema noch gar nicht besprochen haben. Es gibt in Deutschland ein Amputationsverbot. Tatsächlich handeln Tierärzte und Tierärzte eigentlich juristisch, tierschutzrechtlich nicht ganz korrekt.

Stichwort Tierschutz

Wir dürfen einem Hund ein gesundes Organ nicht einfach so entfernen. Ja, der Paragraph 6 sagt wirklich: Ein gesundes Organ, was nur eventuell mal irgendwann entarten könnte, darf nicht entfernt werden. Dann gibt es noch den Unterpunkt mit der Populationskontrolle und da gibt es halt mittlerweile ganz viele juristische Kommentare dazu, die auch sagen, ja, der Hund gilt in Deutschland aber nun mal nicht als Streuner. Das heißt hier kann definitiv eine andere Verhütungsmaßnahme, nenn ich’s mal, dann auch getroffen werden und dementsprechend darf aus diesem Grund nicht kastriert werden.

Aber alle Hunde und das sind ja sehr viele leider, die nur aus – ich nenne es wirklich mal Bequemlichkeit kastriert werden oder aus präventiven Gedanken, dass man sagt, das kann man nicht ab, das ist juristisch einfach illegal, das dürfen wir nicht machen. Das würde ich den Leuten dann vielleicht doch wirklich mal fragen Wie wird es denn juristisch abgeklärt? Durftet ihr das? Durftet ihr den Hund jetzt kastrieren? Das ist ja gar nicht so einfach hier in Deutschland. Nur leider ist es halt eine Grauzone. Es geht halt keiner hinterher, weil die Veterinärmter sind da ja auch noch ein bisschen pauschal unterwegs und da kommen wir auch noch nicht so richtig ran.

Mehr auf’s Bauchgefühl hören

Tatsächlich würde ich mir wünschen, dass man wirklich mehr Einzelfallentscheidungen macht, dass man wirklich mal ein bisschen mehr auf sein Bauchgefühl hört und sich wirklich auch mal fragt: Okay, was von Natur aus da ist – und das sind ja nun mal unsere Sexualhormone und auch unsere dazugehörigen Sexualorgane – das kann eigentlich nie gut sein, wenn man so was entfernt. Also wenn so was künstlich entfernt wird, sollte man sich immer fragen: Okay, das kann erhebliche Folgen haben. Es ist ein großer Einschnitt im wahrsten Sinne des Wortes Einschnitt in das Hundeleben. Und das sollte man sich einfach immer wieder bewusst machen.

Denise

Wenn sich jetzt Menschen nach dieser Folge denken: Puh, das sind alles Informationen, die waren mir so gar nicht bewusst. Aber wo kann ich mich jetzt gut informieren? Dann können die sich eben an euer Projekt wenden oder an dich. Und sich informieren, oder?

Carina Kolkmeyer

Unbedingt. Klar, gerne. Wir machen ja auch Citizen Science. Das heißt, wir sind ja im Prinzip auf euch Leute da draußen angewiesen. Also falls auch noch jemand Lust hat, mal an so einer Studie mitzuwirken. Wir haben Fragebögen, die wir per Link rausgeben, gerne melden. Ich suche gerade aktuell auch wieder welche für die Kastrationsstudie, das heißt die dürfen auch kastrierte und intakte Hunde teilnehmen. Also gerne melden, dann seid ihr Teil unserer Studie. Die werden auch immer wieder veröffentlicht. Also wir machen ja im internationalen Raum dann immer wieder Publikationen und dann euer Hund, natürlich ein anonymer Weise, aber dann Teil dieser Studie.

Die Zusammenfassung

Denise

Ja, das ist ja hier ein wunderbarer Ausblick. Ich würde gerne noch kurz zusammenfassen, Was kann man ja als Conclusio sagen? Also wenn man sich entscheidet zu kastrieren, dann nur aus medizinischen Gründen und sich vorher am besten vorher jemanden zu Rate ziehen, der davon wirklich Ahnung hat und einfach auch auf dem aktuellen wissenschaftlichen Stand ist. Wenn kastriert werden muss, dann auf gar keinen Fall zu früh.

Carina Kolkmeyer

Genau. Ja.

Denise

Also nicht in der Pubertät, sondern erst wenn Hund oder Hündin erwachsen ist. Sollte es aus medizinischen Gründen doch notwendig sein, dass es schon in der Pubertät sein muss. Dann sollte man da durch Präparate den Hund gut durchbringen, wie zum Beispiel Mönchsffeffer. Du darfst gerne ergänzen…

Carina Kolkmeyer

Als ja, eventuell kann man da direkt auch beim Mönchnspfeffer ergänzen. Das heißt, es gibt ja wahrscheinlich auch viele, die jetzt zuhören und sagen: Mein Hund ist aber schon kastriert, also was mache ich denn, wenn es schon passiert ist? Ist jetzt alles verloren? Nein, auf gar keinen Fall. Also ein Hund leidet ja nicht per se, wenn er kastriert ist. Das möchte ich vielleicht am Schluss auch nochmal sagen. Ein Hund kann trotzdem noch ein sehr, sehr glückliches Leben führen, wenn man sich dessen einfach bewusst ist und vielleicht dementsprechend auch sensibel mit manchen Verhaltensweisen umgeht oder vielleicht nicht zu sehr enttäuscht, ist es eben eine bestimmte Verhaltensweise sich nicht so toll verändert hat, wie der Wunschgedanke war. Und man kann eben entsprechend auch noch hier mit Mönchspfeffer zum Beispiel weiterarbeiten.

Denise

Ich kann mir vorstellen, dass ich da jetzt Leute auch gleich denken Ah, okay, ich besorge mir jetzt Mönchspfeffer. Kann man das überdosieren oder wo kann man sich informieren, wie man das richtig einsetzt beim Hund?

Carina Kolkmeyer

Ja, also tatsächlich möchte ich hier jetzt so direkt keine Empfehlung geben, weil das auch eine Anknüpfungsstudie wird, die wir an meine Kastrationstudie anknüpfen. Auch da: Wenn jemand mal Bock hat mitzumachen, gerne melden. Und da suchen wir auf jeden Fall schon ein paar Probanden. Und was die Dosierung angeht, dann am liebsten einfach noch mal per Mail an uns, weil dann können wir es auch einfach hundgerecht und individuell einschätzen, anstatt so eine pauschale Empfehlung auszugeben. Das ist manchmal etwas schwierig.

Denise

Super. Aber mir war es jetzt auch wichtig zu sagen: Jetzt nicht einfach Mönchspfeffer kaufen und dem Hund da Drops oder ins Essen reinhauen.

Carina Kolkmeyer

Ich glaube nicht, dass man da viel verkehrt machen kann, es sei denn, man gibt gleich die ganze Packung auf einmal Einwirkung der Ärztin. Aber ansonsten wir sind noch im pflanzlichen Bereich. Also ich glaube, da müsste schon echt viel schief gehen.

Denise

Sicher ist sicher. Wir haben ja auch eine Verantwortung. Carina! Vielen, vielen Dank. Ich hoffe sehr und glaube es aber auch, dass wir jetzt einfach mit dieser Folge viele Fragezeichen entfernt haben und hoffentlich vielen Menschen einfach weiterhelfen oder die Wissenslücke schließen konnten. Weil es geht ja nicht darum, da jetzt die Kastration per se zu verteufeln, sondern einfach wirklich sich einen Kopf vorher zu machen und sich Gedanken zu machen und sich damit auseinanderzusetzen und Bescheid zu wissen. Und deswegen vielen, vielen Dank dafür, dass du dir jetzt so viel Zeit genommen hast.

Carina Kolkmeyer

Ich bedanke mich ganz herzlich, dabei gewesen zu sein. Mir hat das sehr viel Spaß gemacht, das Gespräch und ich freue mich natürlich immer, wenn unser Wissen oder unsere Datenergebnisse einfach an die breite Masse kommen und ja, es hat mir sehr viel Spaß gemacht.

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